Zwangsstörung – Zählen statt Fühlen

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Kathleen

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Das eine ist zum Schmunzeln: Die Familie fährt in den Urlaub und Tina denkt eine Stunde lang darüber nach, ob der Herd aus ist.
Das andere ist zum Verrücktwerden: Immer wieder muss Susanne kontrollieren, ob sie den Herd ausgemacht hat und verpasst dadurch fast den Bus. Während Tina bald die Fahrt genießen und den Herd vergessen kann, leidet Susanne immer mehr unter ihren Kontrollzwängen.
Sobald sich Leidensdruck bemerkbar macht, ist es Zeit, sich die Zwänge genauer anzusehen.

Magisches Denken
“Wenn ich das rote Tuch anziehe, dann passiert ein Unglück.” So könnte ein Zwangsgedanke aussehen. Magisches Denken spielt bei der Zwangsstörung eine große Rolle. Die Betroffenen haben Angst, es könnte etwas Schlimmes passieren, wenn sie bestimmte Handlungen nicht vornehmen oder bestimmte Dinge denken. Dabei geben sie sich unbewusst mehr Macht, als sie in Wirklichkeit haben.



Kontrolle gegen Hilflosigkeit
Aus einer tiefen Angst heraus, dem Schicksal oder anderen Menschen ausgeliefert zu sein, können Zwänge entstehen. Sie geben dem Betroffenen einerseits ein Gefühl der Kontrolle. Andererseits fühlt der Betroffene sich seinen eigenen Zwängen selbst hilflos ausgeliefert.

Zwar weiß er, dass sie scheinbar keinen Sinn ergeben, aber dennoch muss er sie immer wiederholen. Das Verhalten ist “Ich-dyston”, es wird also als “Ich-fremd” erlebt. Der Leidensdruck kann enorm werden – egal, ob es sich um Grübeln, um Putz- oder Waschzwänge handelt. Wenn der Betroffene seinen Zwängen nicht nachkommen kann, entsteht große Angst.



Zwangsneurose und Zwangsstruktur
Die Tiefenpsychologen unterscheiden die Zwangsneurose von der Zwangsstruktur. Menschen mit einer Zwangsneurose leiden an den typischen Symptomen wie Grübeln, Zählen, Waschen oder Kontrollieren.

Menschen mit einer zwanghaften Persönlichkeitsstruktur hingegen haben manchmal gar keine Zwangssymptome, sondern sie sind einfach gewissenhafte Menschen – sie sind ordentlich und lieben das Gewohnte.

Das muss nicht krankhaft sein – viele Berufe erfordern diese Eigenschaften und manch einer wünscht sich, er hätte mehr davon. Doch auch diese Menschen können leiden, wenn die Züge zu sehr ausgeprägt sind.



Alles wird starr
Menschen mit einer zwanghaften Persönlichkeit verlieren an Vitalität und Flexibilität. Sie stellen sich selbst und alles andere häufig in Frage und zögern ständig. Ihr Gewissen ist manchmal so streng, dass sie sich alle Freuden des Lebens vorenthalten.

Jede Entscheidung wird zur riesigen Hürde. Ihr Über-Ich ist so stark ausgeprägt, dass Gesetze “wichtiger als Liebe und spontane Menschlichkeit” werden (Elhardt).


Zählen statt Fühlen
Auch wenn die Betroffenen noch so sehr leiden, so haben die Zwänge ihren Sinn. Sie lenken ab von ursprünglichen Ängsten und Gefühlen, die zu furchterregend sind, als dass sie empfunden oder gedacht werden dürften. Manche fürchten sich so sehr vor den eigenen Aggressionen oder den eigenen gewaltsamen Phantasien, dass es ihnen “angenehmer” ist, die Lampen an der Decke zu zählen.



Psychoanalytische Therapie
In einer psychoanalytischen Therapie will man den ursprünglichen Gefühlen nachgehen. Denn die Zwänge waren ja nicht immer da. Sie entstanden allmählich als Schutz vor unangenehmen Gefühlen und Wünschen. Die ursprünglichen Gefühle und Phantasien hat der Betroffene jedoch ins Unbewusste verdrängt.

Der Zwanghafte “braucht” seine Zwänge, um das, was aus dem Unbewussten “nach oben” drängt, wieder “runterzudrücken”. Der Zwang ist ein Symptom, das ernstgenommen werden will.

Mit dem Zwang quält sich der Betroffene selbst – zum Beispiel, weil er unbewusst Angst davor hat, sonst andere zu quälen. Welche Phantasien und Wünsche genau hinter den Zwängen stehen, kann häufig nur in einer Psychotherapie deutlich werden. Um die “inneren Gefahren” zuzulassen, braucht der Patient den Schutz des Therapeuten.



Geiz, Pedenaterie und Eigensinn
Geiz, Pedanterie und Eigensinn, das sind in der Geschichte der Tiefenpsychologie die typischen drei Eigenschaften, durch die sich der Zwanghafte auszeichnet. Die klassische Erklärung besagt, dass die Ursache in der analen Phase liegt. In dieser Phase lernt das 2- bis 3-jährige Kind, seine willkürliche Muskulatur zu beherrschen und “auf’s Töpfchen” zu gehen.



Wut schüren und dann einklemmen
Sind die Eltern in dieser Zeit zu rigide, dann kann sich nach klassischer psychoanalytischer Theorie später eine Zwangsstörung entwickeln.

Allerdings ist das dann nicht die einzige Ursache. Zwangsstörungen haben viele Gründe, doch Eltern, die bei der “Töpfchenerziehung” streng sind, sind es meist in anderen Bereichen auch. Wenn die Eltern die Grenzen und das “Nein” des Kindes nicht respektieren, dann lehnt sich das Kind gegen die äußere Dressur innerlich auf, doch bei diesen Eltern ist es dem Kind verboten, seine Wut zu zeigen. So lernt das Kind nicht, seine Aggressionen dosiert auszudrücken.
Dann leiden viele noch als Erwachsene an einem unsicheren Umgang mit Wut und Ärger – entweder, sie halten den Ärger gehemmt zurück, oder sie müssen immer gleich explodieren.



Auch Eltern müssen sich und ihren Körper “abgrenzen”
Zwänge können aber auch aus der umgekehrten Situation entstehen: Wenn ein Elternteil sich einem Kind gegenüber zu wenig abgrenzen kann oder will, kann es passieren, dass sich das Kind und der Erwachsene sexuell zu nahe kommen (siehe ödipale Phase). Ein kleines Kind kann schon verführerisch sein.

Doch es ist die Aufgabe des Erwachsenen, hier “Nein” zu sagen, anstatt der “Verführung” nachzugeben und die Gunst der Stunde zu nutzen. Das Kind entwickelt später massive Schuldgefühle und versucht ständig, zwanghaft selbst die Grenze “aufzustellen”, die der Elternteil ihm zu gegebener nicht gesetzt hat. Die Folge: Der Betroffene setzt Grenzen so früh und ist so “übermoralisch”, dass er manchmal Schwierigkeiten damit hat, eine vertrauensvolle oder auch intime Beziehung zu einem anderen Menschen einzugehen.

Meistens wird das Ganze auch dadurch verkompliziert, dass die Betroffenen beides erlebt haben: Ein Elternteil war überstreng, der andere zu “lasch”.



Kontrolle über unberechenbare Eltern
Wenn Kinder unberechenbare Eltern haben, dann entwickeln sie oft Techniken, um die Eltern zu kontrollieren; diese “bewährten” Techniken werden später auch bei anderen Menschen eingesetzt und weiten sich aus. Schließlich will alles kontrolliert und in Schach gehalten werden, weil sonst die alte Angst aus der Kindheit aufsteigt, anderen hilflos ausgeliefert zu sein.


Abwehrmechanismen
Ein typischer Abwehrmechanismus bei Zwangsstörungen ist die sogenannte Reaktionsbildung. Dabei reagiert der Betroffene auf einen bestimmten Impuls ganz anders, als man erwarten würde. Wir kennen das hier und da alle: Obwohl – oder gerade weil – man den Nachbarn nicht mag, grüßt man ihn ganz besonders freundlich.
Eine weitere Abwehrform ist das Ungeschehenmachen. Gesagtes oder Handlungen, die man bereut, möchte man durch bestimmte Zwangshandlungen “ungeschehen” machen. Auch Gesunde kennen beispielsweise den Ausdruck “Klopf auf Holz”, den man ausspricht, damit das Gesagte nur ja nicht eintritt.

Auch das Verschieben von Konflikten auf andere Situationen oder Gegenstände ist ein Mechanismus, der zu Zwängen führen kann. Anstatt dem Kollegen “an den Kragen” zu gehen, fängt der Betroffene an, Krawatten zu zählen. Der ursprüngliche aggressive Impuls ist dann verschwunden und wird noch nicht einmal mehr erinnert. Ebenso häufig kommt die Isolierung vor – eine Abwehrform, bei der das Gefühl bei bestimmten Themen verdrängt wird.

So spricht ein Zwangskranker vielleicht immer wieder vom Tod der Eltern, jedoch kann man keine Traurigkeit in seiner Stimme feststellen.


Welche Therapie ist sinnvoll?
Es ist meistens die Therapieform sinnvoll, die dem Patienten zusagt. Viele fühlen sich mit einer Verhaltenstherapie wohl. Hier lernen die Betroffenen, Situationen und Gefühle neu zu bewerten.

Der Patient setzt sich im Schutz der Therapie den Situationen aus, in denen die Zwänge auftreten und übt dann ganz bewusst, den Zwängen nicht nachzugehen. Er lernt auch zu verstehen, wann die Zwänge auftreten und was sie ersetzen wollen: Leere, Traurigkeit oder Wut beispielsweise.



Eine tiefenpsychologische (psychoanalytische, psychodynamische) Therapie versucht, tiefergründig zu verstehen, wie es zu den Zwängen kam und welche unbewussten Gefühle und Phantasien dahinter stecken. Meistens vergehen die Symptome, wenn das ursprüngliche Problem verstanden wird. Die “inneren Gefahren” werden dabei mit einbezogen.

Auch wenn natürlich äußerlich nichts passiert, wenn man den Zwang unterlässt, so gibt es doch “innere Gefahren” wie Angst oder Wut, die sehr stark werden können. Häufig ist der tiefenpsychologische Weg aufwendiger, jedoch auch umfassender und aus meiner Sicht hilfreicher.

Mit freundlicher Genehmigung
Text: © Dr. med. Dunja Voos, www.medizin-im-text.de/blog
 

MissFitt

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Bei mir ist zwar nie eine Zwangsstörung diagnostiziert worden, aber ich finde mich in der Beschreibung des zwanghaften Charakters durchaus wieder. Naja, da gibt es ja offensichtlich auch ein gewisses Zusammenspiel mit der Angststörung: Kontrolle haben wollen, unterdrückte Wut, nicht fühlen können/wollen...
Es ist sehr interessant, aus tiefenpsychologischer Sicht über die Hintergründe zu lesen.

Insgesamt sind die Beiträge aus diesem Blog lesenswert. Ich hab ihn mir gleich mal abgespeichert um demnächst mehr zu lesen - danke Steffie!
 

LynnCards

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Ich habe auch zwanghafte Züge und teilweise Kontrollzwang. Mein Schmerztherapeut meinte gerade in der letzten Sitzung, dass ich mich eher dort orientieren soll und weniger bei den Angstsymptomen, obwohl ich mich da gut wiederfinde. Er sagte, bei mir sei es nicht so "einfach" wie bei Angstpatienten, die gut und schnell behandelbar seien. Bei mir läuft es offenbar unbewusster wegen der Psychosomatik (Schmerzen). Fand ich etwas doof, dass er das auseinanderhalten will, obwohl doch auch Angst eine Rolle spielt. Auf der anderen Seite stimmt es schon, was er sagt ... Ich bin einfach froh, dass ich eine ähnlich positive Entwicklung durchgemacht habe, wie es hier im Forum andere beschrieben, ich also aus der Angst rauskomme. Das spüre ich deutlich, egal wie man das nun nennt. Hauptsache, es funktioniert.
 

Lilley

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Ich denke, eine Zwangsstörung hat man schnell mal... ob das nun schleichend kommt, wie 5 Mal zu prüfen, ob die Haustüre versperrt ist, oder jeden Herd-Knopf anzufassen, um zu bestätigen, dass dieser ausgeschaltet ist. So schnell kann´s gehen.
 
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