Meine Geschichte und Hallo

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merkur

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1 September 2017
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Rheinland-Pfalz
Hallo,

nun habe ich auch den Weg zu euch gefunden und hoffe hier richtig zu sein :)

Dann fange ich mal mit meiner Geschichte an und versuche alles richtig
auf die Kette zu bringen.

Kurz zu mir:
Ich bin männlich, 20 Jahre alt und lebe in der schönen Pfalz.

Angefangen hat alles vor ca. 2 Jahren, ich saß an meinem Schreibtisch und habe
im Internet gesurft. Plötzlich überkam mich das Gefühl nicht mehr richtig Atmen
zu können, noch nie hatte ich solche Angst in meinem Leben, ich denke es war
Todesangst.
Ich dachte wenn ich jetzt einen Rettungswagen rufe, bis der mal da ist...
Also setzte ich mich in mein Auto und fuhr wie ein Irrer zu meinem Hausarzt,
dass nächste Krankenhaus wäre nämlich knapp doppelt so weit entfernt gewesen.
Mein Hausarzt war jedoch nicht da, nur ein "Ersatz"-Arzt der eigentlich schon
in Rente ist, ich kam sofort dran bei ihm.
Er beruhigte mich zunächst, machte ein EKG und hörte mich ab, schnell stand fest
das keine körperlichen Symptome vorlagen. Ich schien einfach nur hyperventiliert
zu haben. Als er mir sagte dass alles ok sei, verschwanden die Symptome schlagartig.
Mir war dies fast ein bisschen peinlich, so ein "Aufstand" gemacht zu haben, obwohl
es ja scheinbar alles nur Einbildung war. Dennoch bin ich ihm bis heute noch zutiefst
dankbar, dass er mich aus dieser Situation herausgeholt hat.
Ich versuchte die ganze Sache mit einem "Kann ja mal vorkommen" zu vergessen.
Es vergingen einige Wochen, doch seit diesem Vorfall konzentrierte ich mich
unterbewusst irgendwie immer mehr auf meinen Körper.
Mir fiel auf das mein Herz nicht "richtig" zu schlagen schien, ich bekam wieder
diese Panik, jedoch nicht ganz so schlimm wie beim ersten mal, aber sie war wieder da.
Auch diesmal war ich fest davon überzeugt etwas schlimmes, diesmal am Herzen, zu haben.
Ich suchte erneut einen Arzt auf, wieder wurde ein EKG gemacht und wieder wurde festgestellt
das mein Herz völlig normal arbeitet.
Das ganze wiederholte sich in den nächsten Monaten noch mehrmals: Mir fiel plötzlich
auf, dass mein Herz so nicht ok ist, ich bekam Angst&Panik, suchte einen Arzt, es wurde
nichts festgestellt und ich war erst mal wieder beruhigt.
Da ich viel rum komme, ging ich meist zu den Bereitschaftsdienstzentralen.
Die wechselnden Ärzte dort kannten meine Vorgeschichte natürlich nicht, ich
erzählte sie ihnen auch nicht, da ja nie etwas gefunden wurde und ich ja diesmal wieder davon
ausging, dass es jetzt "eine richtige" Ursache hat, dass wirklich etwas ist und ich
es mir nicht nur einbilde.
Doch es war nie so, keiner der vielen Ärzte und EKGs fanden irgendwelche Auffälligkeiten.
So langsam kam ich mir selber etwas komisch vor und beschäftigte mich mit dem Gedanken,
ob die Ärzte nicht doch recht hatten, mein Herz gesund ist und ich mir das ganze nur einbilde.
In den Situationen selbst, warf ich diesen Gedanken jedoch immer wieder über Bord und
glaubte weiter an eine physische Ursache meiner Beschwerden.
Es verging wieder eine Zeit in der es mir relativ gut ging.
Eines Tages besuchte ich mal wieder meine Mutter, wir saßen am Tisch und aßen etwas zusammen.
Wie aus dem nichts heraus, kam alles zurück, ich bekam ganz plötzlich
Todesangst, Panik, Herzrassen. Ich dachte wirklich ich müsse sterben.
Wieder überlegte ich einen Krankenwagen zu rufen, doch ich dachte mir, dass ich selbst
wohl schneller bin.
Ich setze mich also wieder ins Auto und fuhr in die nächste Klinik.
Dort ankommen wurde ich zunächst gründlich untersucht, wieder EKG etc.
Doch wieder wurde nichts gefunden, der Arzt schlug mir dennoch eine stationäre
Aufnahme vor. Ich wollte endlich wissen, was denn nun mit mir los ist und willigte ein.
Ich kam auf die Innere und wurde an diese Monitore angeschlossen und permanent überwacht.
Die Nacht verlief ruhig, vor dem Einschlafen bekam ich Benzos und fühlte mich prima.
In den nächsten Tagen folgte ein wahrer Untersuchungsmarathon, gefühlt alles was man am Herz
oder generell untersuchen konnte, wurde untersucht.
Es war alles in bester Ordnung. Nach drei Tagen wurde ich mit dem selben Ergebnis, wie auch
bei den vielen Ärzten zuvor, entlassen: Psychosomatische Ursachen, Angst/Panikstörung.
Davon lass ich in dem Brief des Krankenhauses zum ersten mal, ich hatte mich noch nie
zu vor damit befasst, oder überhaupt davon gehört.
Nach dem Aufenthalt im Krankenhaus war ich erstmal völlig Symptom frei, alles war wieder gut:
Ich bin kerngesund, was will man mehr? Diesmal glaubte ich es auch wirklich, so viele Ärzte
und die ganzen Untersuchungen können nicht falsch liegen.
Dennoch suchte ich nach einer Zeit meinen Hausarzt auf, erzählte ihm davon, er wollte zur
Sicherheit noch mal ein Langzeit-EKG machen, auch dieses war völlig in Ordnung.
Das Thema schien zunächst erledigt.
Doch in der nachfolgenden Zeit wurde ich irgendwie immer ängstlicher, durch die ganzen
Geschehnisse (auch wenn ich ja nichts körperliches hatte), wurde mir sehr deutlich klar, dass
das Leben auf unserem Planeten endlich ist.
Ich laß im Internet etwas rum zu dem Thema "Angst/Panikstörung" und fand mich gut zu 100%
darin wieder. Allerdings hoffte ich, dass es nur so eine "Phase" sei und schon wieder weg
gehen würde.
Wieder verging etwas Zeit, in der ich öfter Angst bzw. Panikattacken hatten, suchte
aber nicht, wie damals, direkt jedes mal einen Arzt auf. Das rationale, welches mir sagte
das ich ja eigentlich gesund sei, überwog in diesen Situationen.
Nach einiger Zeit bekam ich völlig andere Beschwerden, die nichts damit bzw. meiner "Angst"
zu tun hatten, ich suchte einen Arzt an meinem damaligen Wohnort auf.
Er untersuchte mich auf verschiedenen Wegen, im abschließenden Diagnose-Abschlussgespräch (nennt man das so?)
teilte er mir mit, dass er einen Tumor nicht ausschließen könne.
Ich wusste erstmal nicht was ich denken sollte, blieb jedoch relativ gefasst, bekam keine Panik.
Er überwies mich zu einem Spezialisten/Facharzt, ich rief dort an und bekam vier Tage später
direkt einen Notfall Termin.
Die nächsten Tage waren der Horror, ich dachte nur daran Krebs zu haben.
Am Herz hatte ich vielleicht wirklich nichts, aber das war nun tatsächlich real, keiner sagte mir das es nur Einbildung war.
Meine Gedanken kreisten nur darum, was ich mache wenn es
wirklich so ist, wovon ich leider fest ausging zu diesem Zeitpunkt.
Ich hatte mir doch noch so viel vorgenommen im Leben, meine Freundin heiraten, Kinder
kriegen, einen Beruf ausüben der mir Spaß macht. Doch diese Träume schienen vorbei,
ich konnte nur an den Facharzt-Termin denken, wie dieser die "Diagnose" bestätigt.
Erneut wurde mir klar wie endlich das Leben doch sein kann, wir können dankbar für jeden
Tag sein in dem wir gesund aufwachen, viele wissen das leider nicht zu schätzen.

Kleiner Einschub:
Meine Mutter hat mich mit für einen neuen Mann verlassen, als ich 11 Jahre alt war.
Zu meinem Vater habe ich zwar bis heute ein gutes Verhältnis, jedoch war er schon immer viel
beruflich unterwegs, daher bin ich bei meinen Großeltern aufgewachsen. Mein Onkel, also der Sohn
meiner Oma ist mit 16 Jahren an Krebs erkrankt und mit 23 daran verstorben.
Bis heute hat mein Oma seinen Tod nicht verkraftet, schon immer hat sie mich mit Krankheiten
"verrückt" gemacht. Es kamen fast täglich Sätze wie "...willst du so enden wie die Kinder auf der Krebsstadion",
oder "ich habe das Leiden dort täglich gesehen", wenn ich beispielsweise nicht gesund oder alles leer gegessen hatte, etc.
Sie meinte es natürlich nicht böse, aber diese Aussagen haben mich bis heute geprägt und könnten in meinen
Augen auch einer der Auslöser für meine spätere Angst/Panikstörung sein.

Nachdem nun die vier Horror-Tage vorbei waren, ging ich zu dem Facharzt.
Er war äußerst nett und kompetent und untersuchte den Verdacht meines Hausarztes gründlich.
Es kam heraus, dass es eine harmlose Schleimhaut-Problematik war, nichts wildes, mein Hausarzt
lag falsch: Es war definitiv kein Tumor.
Mir fiel ein Stein vom Herzen, ich durfte wohl doch noch etwas hier bleiben, es war ein unbeschreibliches
Gefühl.
Erneut verging Zeit und ich zog zum zweiten Mal in dem Jahr um.
Doch die Angst und Panikattacken kamen immer häufiger wieder, ich redete mir entweder eine eine schlimme
Krankheit zu haben oder hatte einfach nur so Panik.
Da ich nun ziemlich sicher war, dass meine Beschwerden am Anfang einen psychischen Hintergrund hatten, wie
die Ärzte ja auch immer sagten und ich nun merkte wie schlecht es mir psychisch ging, suchte ich bei jameda nach einem
Arzt dafür. Ich fand an meinem neuen alten Wohnort eine Allgemeinmedizinerin, spezialisiert auf psychosomatische Erkrankungen.
Sofort machte ich einen Termin bei ihr aus und bekam diesen auch zeitnahe.
Eine sehr nette Frau, ich erzählte ihr meine "Geschichte" und fing an zu weinen, aber es tat so gut endlich eine Person
zu haben die mich versteht.
Sie wollte erst körperliche Erkrankungen gänzlich ausschließen, neben Blut, Herz, Kopf-MRT wurde wieder einiges gemacht.
Alle Ergebnisse waren ideal, wie erwartet.
Sie diagnostizierte mir eine Angst/Panikstörung, wie ich selbst auch vermutet hatte.
Für den Notfall bekam ich Tavor und langfristig eine Überweisung zum Psychologen.
Endlich wusste ich wo ich dran bin, alles passte zusammen und machte Sinn.
Ich rief bei einer Psychologin im Ort an und bekam 5 Monate später einen Termin.
Kurz vorher zog ich in meine jetzige Stadt und musste den Termin daher leider absagen.
In der Zwischenzeit erkrankte meine Oma an Bauchspeicheldrüsen & Leberkrebs, wie durch ein Wunder lebt sie heute immer
noch, viel Zeit wird ihr aber leider nicht mehr bleiben.

In den Letzen zwei Jahren konnte ich aufgrund der Symptome, also meiner Angst/Panikstörung nicht arbeiten oder zur
Schule gehen, da ich immer wieder von ihr überrascht werde.
Während einer solchen Attacke bekomme ich eine Art Fluchtreflex, ich muss der Situation entfliehen.
Früher bin ich gerne gereist, ein Flugzeug betrete ich heute nur noch im absoluten Ausnahmefall, immer mit Tavor.
Ich habe keine Angst vor einem Absturz, aber ich kann der Situation ja nicht so einfach entfliehen, ich wäre quasi
gefangen.
Geld vom Staat bekomme ich keins, meine Familie ist recht wohlhabend, aus Geld mache ich mir trotzdem nicht viel.
Dennoch wollte ich nicht länger auf Kosten anderer Leben, dass tut mir selber nicht gut.
Also habe ich einen Ausbildungsplatz gesucht und sogar meine Wunschstelle bekomme, diese Ausbildung mache ich nun
seit August.
Ich merke jedoch, dass ich es einfach nicht schaffe, ich bin dem ganzen noch nicht gewachsen.
Meine Angst steht zur Zeit über allem, ich will nicht aufgeben, ich will die Ausbildung durchziehen, aber ich
schaffe es einfach gesundheitlich nicht mehr...
Die Angst hat erneut gewonnen und die Kontrolle über mein gesamtes Handeln erlangt.
Nur meine Freundin und der Glaube an eine bessere Zukunft gibt mir Kraft.

Ich hoffe ihr könnt euch nun ein bisschen in meine Lage versetzen bzw. meine Situation verstehen.
Wenn ich ein wenig durcheinander geschrieben habe...tut mir leid :)
Aber durch die Komplexität des Themas ist das Schreiben doch nicht so leicht gewesen.

Viele Grüße!
 

Kathleen

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Hallo und herzlich Willkommen bei uns, merkur.

Was du beschreibst ist der typische Verlauf einer Angsterkrankung. Symptome werden als gefährlich eingestuft, man ist überzeugt körperlich krank zu sein und lässt alles mögliche untersuchen.
Was im Prinzip auch richtig ist - man soll immer körperliche Krankheiten ausschließen.
Das Problem ist jedoch - man denkt, dass die Ärzte nicht richtig untersucht haben, oder was übersehen haben - und beim nächsten Symptom geht "das Spiel" von vorne los. Sind die Befunde negativ, ist man zunächst beruhigt - bis wieder ein anderes Symptom auftaucht.
Hier ist es wichtig den Ärzten zu vertrauen, der Diagnose Glauben schenken. Du bist von mehreren Ärzten untersucht worden - es ist alles in Ordnung, verlasse dich darauf!
Du bist noch sehr jung, du hast dein ganzes, langes Leben noch vor dir. Was genau die Angststörung ausgelöst hat, ist, meiner Meinung nach, sekundär. Viel wichtiger ist die Gegenwart, das Leben mit der Angst.
Sicher wäre ein Psychotherapie für dich sehr hilfreich, insbesondere eine Verhaltenstherapie - diese zeigt dir Wege auf wie du mit der Angst ein nahezu normales Leben führen kannst. Ich schreibe bewusst "nahezu" - denn die Angst kann sich auch nach langer beschwerdefreier Zeit wieder melden.

Bist du bei einem Neurologen/Psychiater in Behandlung? Vielleicht benötigst du am Anfang eine medikamentöse Hilfe um aus dem Teufelskreis raus zu kommen. Ganz wichtig ist es der Angst nicht zuviel Raum einzuräumen.
Bedeutet - wenn du Symptome bekommst, diese nur kurz wahrnehmen ("ach, die Angst ist wieder da, kenn' ich doch schon") und dann ganz normal, mit was auch immer, weiter machen.

Ganz verkehrt ist es vermehrt in sich hinein horchen, denn so provoziert man geradezu Symptome.

Ich merke jedoch, dass ich es einfach nicht schaffe, ich bin dem ganzen noch nicht gewachsen.
Meine Angst steht zur Zeit über allem, ich will nicht aufgeben, ich will die Ausbildung durchziehen, aber ich
schaffe es einfach gesundheitlich nicht mehr...
Doch, du schaffst das. Es ist normal, dass du am Anfang überfordert bist, schließlich warst du 2 Jahre nicht berufstätig.
Es ist eine riesige Umstellung für dich, dazu noch eine neue Situation - die macht per se unsicher und zwar jeden Menschen.

Natürlich ist das Leben endlich, wir alle werden eines Tages gehen müssen - aber bis dahin sollte man sich nicht mit Krankheitsängsten das Leben schwer machen. :)
 

Dominik

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Hallo merkur,

herzlich willkommen bei uns :)

Ich habe mich in deinem Text sofort wiedererkannt. Da gibt es viele Parallelen bei uns:

http://leben-mit-angst.de/showthread.php/2153-Dominik-Meine-Story

Ich kann dir nur sagen, dass die Angst und Panik mit der Zeit weniger wird. Ich nehme zwar auch Medikamente aber alleine die Akzeptanz der Krankheit hilft schon sehr viel.
 

Harriet

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Herzlich Willkommen! *huhu*

Mich hat es auch recht jung "erwischt" seinerzeit und ich habe trotzdem eine Ausbildung durchgezogen. Ich kann dir nur dringend raten, das zu machen. Es ging mir währenddessen auch angstmäßig viel besser, das war einfach wichtig für mich und mein Selbstwertgefühl. Bitte lass dich nicht von deiner Angst davon abhalten, deine Zukunft zu gestalten. Du schaffst das!

Ich hatte parallel Gesprächstherapie, das hat mir auch sehr geholfen, und für Notfälle gibt es Medikamente - hast du ja schon.
 
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